Diesmal gibt’s keine Schätzungen: Das Jokerbüssli hatte einen GPS-Tracker an Bord, der jede Minute Position und Tempo mitgeschrieben hat. Route, Kilometer und Geschwindigkeiten in dieser Geschichte sind deshalb aufs Genaue dokumentiert — die komplette Strecke gibt’s weiter unten auf der Karte, inklusive Tempo-Farbcodierung. Dreizehn Tage, drei Alpenpässe, ein Gewitter mit Folgen und eine Sackgasse mit einem besonders sturen Verkehrsschild — und am Ende 1’430 gefahrene Kilometer laut Tracker.
Tag 1 — St. Gallen, der San Bernardino und Lugano
Abfahrt St. Gallen kurz nach neun Uhr morgens, das Jokerbüssli vollgepackt bis unters Dach. Über die A13 und den San-Bernardino-Pass ging es 241 Kilometer nach Lugano — Sonne von der ersten Minute an, der See lag da wie poliertes Blech. Am Beifahrersitz sass die reinste Idealbesetzung: meine Begleitung war einfach grossartig und sorgte während der ganzen Fahrt zuverlässig für Nachschub — Getränke, ein Snack, mal etwas Süsses, immer genau dann, wenn man’s brauchte, ohne dass man je danach fragen musste. Am frühen Nachmittag angekommen, blieb der ganze Rest des Tages fürs Nichtstun: Promenade, Gelato, Käfeli, den Blick über den See schweifen lassen. Übernachtet wurde gleich hier — kein Grund, sich am ersten Tag zu hetzen.
Tag 2 — Über den Passo del Bracco: das erste Meer
Am nächsten Morgen ging es weiter, von Lugano aus auf die Autobahn Richtung Genua — und kurz vor der Küste runter von der grossen Strasse, rauf auf die alte Passstrasse: den Passo del Bracco. Kastanienwälder, enge Kehren, ein Bus, der auf einmal deutlich lauter arbeitete als sonst. Und dann, irgendwo hinter einer Kurve auf gut 600 Metern über Meer: zum allerersten Mal auf dieser Reise das Meer selbst. Ligurien, ausgebreitet in der Nachmittagssonne, das Wasser so blau, dass man kurz vergass, aufs Kurvenfahren zu achten.
Nach 277 Kilometern ab Lugano rollte der Bus am frühen Nachmittag in Levanto ein, Handbremse an, Motor aus, Möwen über dem Dach. Der restliche Tag gehörte dem Ankommen: barfuss über den Sand, die Füsse zum ersten Mal in diesem Sommer im Meer, danach durch die schmalen Gassen von Levanto bummeln — bunte Fassaden, ein Markt, der nach Basilikum und gebratenem Fisch roch, ein Blick auf die Bahnlinie, die sich in die Cinque Terre schraubt.
Weiter an die Küste — 148 Kilometer bis Cecina
Am Morgen danach ging es weiter, 148 Kilometer die Küste hinunter Richtung Cecina, das Meer die ganze Zeit links im Rückspiegel. Vorbei an Pisa, wo der schiefe Turm kurz aus der Ferne grüsste, dann weiter durch die flache Maremma-Landschaft mit Pinien und Sonnenblumenfeldern. Schon am frühen Nachmittag stand der Bus auf dem Campingplatz direkt am Sandstrand von Cecina — Zeit, das Vorzelt aufzustellen und für eine Weile gar nichts mehr zu fahren.
Acht Nächte Cecina — und eine Nacht, die alles unter Wasser setzte
Was dann folgte, war Stillstand im besten Sinn. Frühstück im Schatten der Markise, Nachmittage im Wasser, Abende mit Wein und Grillengezirpe. Genau das Ferien-Tempo, das man sich elf Monate im Jahr herbeisehnt. Einen Abend gönnte man sich einen kleinen Ausflug landeinwärts, hoch nach Montescudaio — ein Hügeldorf ein paar Kilometer von der Küste entfernt, enge Gassen, Blick über die toskanischen Hügel bis zum Meer, ein Abendessen unter freiem Himmel.
Bis in der Nacht vom 9. auf den 10. September der Himmel beschloss, das ganze Wasser des Sommers auf einmal abzuladen. Ein Gewitter, wie man es an der toskanischen Küste selten erlebt — Blitze im Minutentakt, Donner, der das ganze Vorzelt zum Vibrieren brachte, und Regen, der innert einer Stunde den halben Campingplatz in einen See verwandelte. Mitten in der Nacht stand das Wasser knöchelhoch zwischen den Stellplätzen, Campingstühle schwammen davon, und das Jokerbüssli stand mittendrin wie eine kleine braune Arche. Am Morgen: Sonnenschein, als wäre nichts gewesen, ein Platzwart mit Pumpe und guter Laune, und schon am Nachmittag wieder Handtuch am Strand. Die beste Pannengeschichte des ganzen Trips — und ausgerechnet die, bei der der Bus selbst gar nichts damit zu tun hatte.
Der Rückweg — an den Comer See und über zwei Pässe nach Hause
Nach acht Nächten Meer fiel der Abschied schwer, aber die Route nach Hause hatte es noch einmal in sich. Erste Etappe: 428 Kilometer hinauf an den Comer See, bis nach Dorio am Nordostufer — vorbei an La Spezia und über den Apennin, ein langer Fahrtag, belohnt mit zwei ruhigen Nächten direkt am Wasser. Füsse ins Wasser, ein Eis, ein letzter Blick auf Berge und Zypressen, bevor es wieder Richtung Alpen ging.
Am übernächsten Morgen dann die letzten 278 Kilometer: über Chiavenna hinauf zum Malojapass, vorbei an Sils in Richtung St. Moritz. Kurz hinter Silvaplana, bei Champfèr, ging es auf einer schmalen Strasse ein Stück bergauf — bis unten ein Schild auftauchte: maximale Breite 2,3 Meter. Oben, direkt vor einem engen Tunnel, dann dasselbe noch einmal: maximale Höhe 2,3 Meter. Zwei identische Zahlen, ein eindeutiges Zeichen — umdrehen und einen anderen Weg suchen. Zurück nach Silvaplana, und weiter ging’s stattdessen über den Julierpass, vorbei an Bivio und durchs Oberhalbstein Richtung Tiefencastel und Chur. Der einzige Umweg der ganzen Reise, und der Grund, warum am Ende doch noch ein zweiter Pass auf der Heimfahrt dazukam. Ansonsten: keine Baustelle, kein Stau — nur eine ruhige, entspannte Fahrt zum Ausklang, so wie man sich das Ende eines guten Sommers wünscht.
Dreizehn Tage, drei Pässe, ein Gewitter und eine Kehrtwende vor einem 2,3-Meter-Tunnel — und 1’430 Kilometer laut GPS-Tracker, bei einer Höchstgeschwindigkeit von 98 km/h. Am Ende sah das Jokerbüssli genauso zufrieden aus wie seine beiden Insassen.